1. Dokufilm

Die Brüder
Lumiére

Das Kinétoscope
von Alvar Edison
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Der Dokumentarfilm
Der Anfang
Die ersten „bewegten Bilder“ waren per Definition Dokumentar- filme. Es waren einzelne Einstellungen, die Momente aus dem Leben auf Film bannten (Der Zug, der in den Bahnhof einfährt, das andockende Boot, die Arbeiter, die die Fabrik verlassen, siehe Brüder Lumière). Im frühen Film, Ende 19. Jahrhundert dominierte immer noch die Darstellung von Ereignissen. Es wurden kaum Geschichten erzählt, dies vor allem auf Grund technischer Grenzen, da die Kameras sehr groß waren und schlecht transportiert werden konnten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Film weiter und es wurden auch durch technische Errungenschaften neue Möglich- keiten geboten. Dadurch wurden neue Ideen geschaffen und es mussten dem Film verschiedene Genres zugewiesen werden und dem Dokumentarfilm wurde die Bezeichnung „Genre“ mit der Zeit wieder aberkannt (hierzu mehr unter Genre).
1922 produzierte Robert J. Flaherty den ersten abendfüllenden Dokumentarfilm „Nanuk, der Eskimo“ . Schon in diesem Film wandte sich der Dokumentarfilm von der Wahrheit ab und wurde aufgrund des Regisseurs eher eine Inszenierung von Tatsachen die gemeinsam ein gestelltes Bild abgaben und nicht mehr der Wirklichkeit entsprachen. Flaherty hatte früh erkannt, dass man zur Unterhaltung des Publikums stimmige und sinnigere Bilder ein- setzen musste um das Publikum nicht zu langweilen. Zusätzlich lies er für den Film beispielsweise ein halbes Iglu errichten, in dem die Inuiten für die Aufnahmen zur Schau wohnen sollten. In ihren eigentlich Iglus wäre kein Platz für die Kamera gewesen, von außen konnte man bei dem halben Iglu besser hineinfilmen. Dort könnte man sagen ist die Idee des konstruierten „Filmsets“, was die Wirklichkeit vortäuschen soll, entstanden.
Zur Zeit des zweiten Weltkriegs wurde der Dokumentarfilm fester Bestandteil der „Wochenschau“, wobei auch hier versucht wurde so nah wie möglich an die Wirklichkeit heran zu kommen. Das war natürlich nicht immer im Rahmen des Machbaren, daher wurden z.B. Kriegs- und Kampfszenen oft nachgestellt, da der Kamera- mann und das Filmteam in solchen Situationen nicht sicher gewesen wären. Durch diese Verstellung oder Nachstellung der Realität wurde der Dokumentarfilm zu der Zeit als unethisch angesehen, da er zwar die Wirklichkeit in veränderter Form wiederspiegelte aber nicht die Realität wie sie im eigentlichen Sinne des Dokumentarfilms sein sollte.
Mit der Zeit wurde der Dokumentarfilm auch als Waffe für die Politik erkannt und man hatte die Möglichkeit etwas logisches und Wahres darzustellen, es aber in seinem Wahrheitsgehalt so zu verdrehen, dass der Zuschauer auf ein ganz bestimmtes Denken über den Inhalt geleitet wurde. Das kann man als Propaganda Film bezeichnen und wurde beispielsweise während des National- sozialismus von Leni Riefenstahl genutzt. Ihr Film „Triumph des Willens“ zeig die Nationalsozialisten aus den verschiedensten Perspektiven ( erstmals aus der Luft und aus besonders hohen Positionen ) um ihre Macht darzustellen. Dort bekam der Zuschauer das Gefühl eine klar strukturierte Menschenmasse vor sich zu haben, der keine Macht der Welt gemessen wäre. Ziel war es natürlich dabei mit der dargestellten Macht die Anhänger zu begeistern und die Gegner einzuschüchtern.
In den 60ern kam peu á peu das Cinema Vérité dazu. Diese fast ausschliesslich der Unterhaltung dienenden Filme waren sehr fiktional und hatten nur noch wenig mit dem Dokumentarfilm zu tun, da bei ihnen Geschichte und Gezeigtes konstruiert wurde (hierzu mehr unter Fiktion).
Brüder Lumière
Die ersten sogenannten „Dokumentarfilmer“ waren die Brüder Lumière, Auguste Marie Louis Nicolas und Louis Jean Lumière ( 1862 – 1954 ). Sie sind die Erfinder des Cinematographe, der zunächst in Anlehnung an Thomas Alva Edisons Kinematographen als „Kinétoscope de projection“ bezeichnet worden war, einer Kamera die gleichzeitig auch noch Film projezieren und kopieren konnte. Bekannt wurden sie durch einen Film in dem ein Zug in einen Bahnhof fährt. Das Bild war für die Zuschauer ein sehr erschreckendes, da man das Gefühl hatte, der Zug wäre ein Rauch- schnaubendes Monstrum. Somit könnte man sagen dass der Film Dokumentarisch ist aber eine fiktionale Wirkung beinhaltet, da seine Bildsprache für den Zuschauer eher surrealistisch war / ist.
Dokumentarfilm – Was ist das?
Das primäre Ausdrucksrepertoire des filmischen Mediums sind die Bilder und Töne, der perspektivische Blick der Kamera, die Geräusche, die Musik; ihre logische und dialektische Strukturierung in der Montage. Die menschliche Rede – vor laufender Kamera oder aber in Form eines Kommentars, Zitats, Zwischentitels etc. – ist ein für sich stehender Bestandteil von Dokumentarfilmen, auch wenn sie nicht allein in der filmisch vermittelten Form existiert, insofern also nicht zur Grundlage eines spezifisch filmischen Codes werden kann. Die Sprache zählt dabei zu einem wichtigen Gestaltungs- mittel, die den Eindruck eines authentischen Filmes nachdrücklich unterstreicht. Somit ist es wichtig Bild und Sprache bildlich und textlich passend zu einander abspielen zu lassen wozu natürlich noch der Wahrheitsgehalt, Qualität der Stimme und der Bilder und der Sinn kommen um einen Dokumentarfilm authentisch wirken zu lassen. Um die Authentizität eines Filmes jedoch so gut wie möglich zu wahren ist vor allem die genaue Themenanalyse / Recherche des zu projizierenden Bildmaterials entscheidend.
„Ein Bild kann nie die Wirklichkeit sein, es gibt nicht das wirkliche Bild. Es gibt nur die Bilder von der Wirklichkeit. Sich ein Bild machen heißt, seine Bilder von der Wirklichkeit an die Wirklichkeit erproben. Ein Prozeß der Annäherung und Entfernung, bei dem etwas erscheint, sichtbar wird. Ein Bild kann nicht richtig oder falsch sein. Mit ihm lässt sich für die verschiedensten Dinge werben. Aber viele Bilder ergeben einen Text, aus dem sich ein Bild nicht mehr herauslösen lässt.“ ( Harun Farocki in einem Text zu seinem Film „Etwas wird sichtbar“)
Genre?
Ist es überhaupt gerechtfertigt beim Dokumentarfilm von einem Genre zu sprechen? * Unter einem Genre, insbesondere einem Filmgenre versteht man gemeinhin ein Zusammenspiel von Werken, dass vom Inhalt eine relativ konstante Regelhaftigkeit bildet, wobei die ständige Variation des erkennbar Vertrauten für die Lebendigkeit und die historische Beständigkeit eines Genre- musters sorgt. In diesem Sinne fällt es schwer, vom Doku- mentarfilm als einem Genre zu sprechen, da er keinem her- kömmlichen, fiktionalen Aufbaumuster entspricht. Der eigentliche Dokumentarfilm versucht dem Zuschauer mittels höchstmöglichem Wahrheitsgehalt, die Realität einer vergangenen Handlung / Gegebenheit, meist in der Natur, zu zeigen. Da der Dokumentarfilm niemals der 100 prozentigen Wahrheit entsprechen kann, ist es zum Teil sogar möglich dort von einem konstruierten Genre zu sprechen. Als 100 prozentig wahr kann der Dokumentarfilm nicht gelten, da z.B. bei Tierfilmern die Filmkamera die Tiere in ihrer Umgebung schon so von ihrem Handeln beeinflusst, beeinträchtigt oder sogar irritiert, dass sie sich nicht so verhalten, wie als wenn die Kamera nicht da gewesen wäre. Oft werden bei solchen Filmen auch die Tiere aufgeschreckt oder anderweitig beeinflusst um schneller ein gewünschtes Bild, wie z.B. einer wütenden Löwin oder einem aufsteigenden Schlag Vögel zu bekommen. Somit ist das Bild eher konstruiert. Es entspricht somit zwar der Wahrheit, da die Vögel ja in Wirklichkeit aufgestiegen sind, aber zu dem Zeitpunkt nur aufgrund der Handlung des Filmteams. In ihrem normalen Lebensraum ohne Einflüsse von Menschen wären sie vielleicht erst viel später oder gar nicht aufgestiegen.
Odin * (41) schlägt in seinem Buch „Film Documentaire“ zum Beispiel vor, von einem „ensemble documentaire“ zu sprechen, das sich analog zum fiktionalen Film in eine Vielzahl von Genres unterteilen lasse.
Die später als dokumentarisch bezeichneten Filme gab es bereits lange vor dem Begriff, der traditionsstiftend erst von John Grierson * (43) geprägt wurde. Man kann beim Dokumentarfilm, laut Hohenberger * hier von drei sparten sprechen, der nichtfilmischen, der vorfilmischen und der nachfilmischen Realität. Dabei ist beispielsweise die nichtfilmische Realität die, die der Regisseur als mögliche Rezeptionsrealität in Betracht zieht und darauf hin arbeitet.
Im klassischen, konstruierten, fiktionalen Film wird jedes kleinste Detail geplant und so gut wie es geht umgesetzt. Somit kann man bei dieser Art des Filmes von einem Genre sprechen, da es ein Zusammenspiel von fiktionalen, aneinander gereihten Szenen ergibt, die der menschlichen Realität sehr nahe sind aber nicht der Realität entsprechen können. Das Genre bezieht sich somit ausschliesslich auf fiktionale und nichtfiktionale Geschichten. Der Dokumentarfilm ist zwar auch nichtfiktional aber er weist keine zu 100% gespielte Handlung auf, sondern entspricht zum hohen Maße einer realistischen Wirklichkeit.
Fiktion
Laut Duden: Fiktion: [lat.] w;-,-en: 1) Erdichtung, Erfindung; Annahme, Unterstellung. 2) in der Logik: bewusst gesetzte wiederspruchsvolle oder falsche Annahme als methodisches Hilfs- mittel (um durch späteres Ausscheiden des Falschen zum richtigen Ergebnis zu kommen.).
Der Begriff Fiktion als Wort ist von dem lateinischen Partizip Perfect, „fictus“ (fingere – lernen, bilden), abgeleitet. Als juristischer Begriff ist „Fiktion“ seit dem 17. Jahrhundert im Sprachgebrauch verankert. Hierbei werden damit die Bereiche des Möglichen aber noch nicht Wirklichen beschrieben. Somit ist die Fiktion ein für den Mensch denkbar reales Ereignis, Objekt, Subjekt, welches aber nicht real existieren könnte. Eine Vorstellung des eventuell Möglichen, das in direktem Bezug zur Realität steht und somit durch die Verwandtheit eine logische Schlussfolgerung der möglichen Realität im Menschen hervorruft.
Dokumentarfilm und sein Wahrheitsgehalt ( Authentizität )
Bei einem Dokumentarfilm wird der Anspruch erhoben besonders authentischh zu sein, jedoch wird durch die Anwesenheit der Kamera und des Kamerateams die Situation immer beeinflusst. Damit der Zuschauer die Authentizität des Gesehenen selbst beurteilen kann, machen seriöse Dokumentarfilme Art und Ausmaß der Beeinflussung auf geschickte Weise unsichtbar um ein höheres Maß an echtheit zu projezieren.
Die Echtheit einer Dokumentation hängt aber nicht nur von seiner Authentizität ab, sondern auch von dessen Repräsentativität. Durch die Darstellung einer Szene wird bei fehlender Erläuterung implizit suggeriert, dass es sich um eine verständlich typische Szene handelt. Auch der Blickwinkel des Filmemachers und seine Kommentare werten das Gezeigte. Daher gibt es in dem Sinne keinen „echten“, der Authentizität entsprechenden Dokumentar- film.
„Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit.“ Sergej Eisenstein, 1925 *
Bei Tierdokumentationen wird oft mit dressierten Tieren gearbeitet. In dem Fall liegt keine Dokumentation im eigentlichen Sinne vor. Häufig werden Szenen auch durch das Drehteam bewusst beeinflusst (wie vorher schon genannt), z.B. durch Provokation der Tiere. Hier wird natürlich die Echtheit der Dokumentation nur dann gewahrt wenn eine solche Beeinflussung dem Zuschauer unerkannt bleibt. Der echte Dokumentarfilm unterscheidet sich von den vielen dokumentarischen Formaten durch seine journalistisch-wissenschaftliche Recherche und die Geschichte, die zumindest versucht sich der Wahrheit anzunähern bwz. Die auf eine Wahrscheinlichkeit aufbaut. Entscheidendes Merkmal ist es aber, dass ein „Zeitdokument“ entsteht, d.h. eine Bilderfolge, die ungespielt und einmalig ist.
Dokumentarfilm in seiner Struktur und Vorgehensweise
Wie strukturiert man einen Dokumentarfilm? Wo beginnt man und wie geht man vor bist man zu guter Letzt einen fertigen Film hat?
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